Deutschlands Zahnärzte mussten zwischen März und Mai signifikante Rückgänge der Leistungserbringung verkraften. Die Hilfs- und Konjunkturprogramme des Bundes und der Länder konnten diese Verluste kaum abschwächen. Wie es den Praxen seit der ersten Welle wirtschaftlich ergangen ist und wie der Ausblick für den Winter ist, analysiert in diesem Gastbeitrag für uns Christian Brendel, Geschäftsführer der solvi GmbH.

ERHEBLICHE RÜCKGÄNGE ZWISCHEN MÄRZ UND APRIL

Nach einer Studie der solvi GmbH ist die zahnärztliche Leistungserbringung zwischen März und Mai im Schnitt um ca. 40 – 50 % zurückgegangen, einzelne Praxen mussten gar einen Rückgang von bis zu 90 % verzeichnen. Bedingt waren diese Rückgänge durch verordnete Kontaktbeschränkungen und die allgemeine Vorsicht der Bevölkerung. Die Entwicklung wies dabei eine hohe Korrelation mit der Mobilität der Gesamtbevölkerung auf. Im Rahmen der schrittweisen Lockerungen kam es dann im Jahresverlauf bis einschließlich Oktober zu einer deutlichen Erholung auf Vorjahresniveau.

DEUTLICHER VERLUST AN WERTSCHÖPFUNG IM JAHRESVERLAUF

Trotz der Erholung haben sowohl Zahnarztpraxen als auch die Dentalindustrie herbe finanzielle Verluste erlitten. Alleine durch bisher nicht erfolgte Behandlungen ergibt sich nach unserer Einschätzung ein Umsatzverlust von insgesamt etwa einer Milliarde Euro. Sollte es in der nun laufenden zweiten Pandemiewelle erneut zu einem deutlichen Patientenrückgang kommen, könnte der Verlust bis zum Jahresende sogar deutlich größer ausfallen. Verstärkt wird dieser Effekt laut Bundeszahnärztekammer möglicherweise durch die Tatsache, „dass das Prämiensystem der privaten Versicherungen eine Nichtinanspruchnahme zahnärztlicher Leistungen während eines Kalenderjahres honoriert und damit Anreize bietet, Behandlungen im laufenden Jahr nicht mehr zu beginnen.“

Aktuell befinden sich die Infektionszahlen erneut auf erhöhtem Niveau. Bis zur Bereitstellung eines effektiven Impfschutzes in ausreichenden Mengen ist mit weiteren Infektionswellen zu rechnen. Die aktuelle Situation wird Deutschlands Zahnärzte also aller Voraussicht nach bis 2021 und vielleicht sogar bis 2022 beschäftigen und somit die Liquiditätssituation der Praxen weiterhin nachteilig beeinflussen.

FINANZIELLE AUSWIRKUNGEN AUF ZAHNARZTPRAXEN BESONDERS HOCH

Aufgrund ihrer Kostenstruktur und des Leistungscharakters sind Zahnarztpraxen von solchen Umsatzrückgängen besonders stark betroffen. Da Zahnarztpraxen besonders personal- und ausstattungsintensiv sind, bilden Personal-, Raum- und Gerätekosten in jeder Praxis die größten Kostenblöcke. Bei diesen drei Kostenarten handelt es sich jeweils um sogenannte Fixkosten – diese besitzen die unangenehme Eigenschaft, unabhängig von der Leistungserbringung anzufallen. Im Gegensatz dazu sind beispielsweise Materialkosten und Kosten für externe Abrechnung variabel – sie fallen größtenteils nur bei durchgeführten Behandlungen an.

Die genannten Umsatzeinbußen dürften in vielen Zahnarztpraxen daher zunächst unmittelbar auf den Gewinn und die Liquidität durchgeschlagen haben. Verschärft wurde dieser Effekt zusätzlich durch die stark gestiegenen Hygienekosten in Folge zusätzlicher Hygienemaßnahmen und höheren Beschaffungspreisen. Lagen die durchschnittlichen Hygienekosten je Behandlung laut Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) in 2019 noch bei etwa 5 bis 5,50 Euro, dürften diese im Jahreslauf weiter angestiegen sein.

RÜCKENWIND DURCH COVID-HYGIENEPAUSCHALE UND KONJUNKTURPAKET

Entlastung kam für die Praxen vor allem durch die GOZ-Hygienepauschale sowie das Konjunkturpaket der Bundesregierung. So durften Praxen zwischen dem 8. April und dem 30. September 2020 zur Abdeckung der erhöhten Kosten bei jeder Sitzung die Gebührennummer 3010 analog mit dem 2,3-fachen Satz abrechnen (14,23 Euro pro Sitzung). Seit dem 1. Oktober bis zunächst 31. Dezember 2020 darf hierfür immerhin noch der 1,0-fache Satz abgerechnet werden (6,19 Euro). Für eine Praxis mit 2 privatversicherten Patienten pro Tag ergeben sich bei 21 Arbeitstagen pro Monat und 9 Monaten Laufzeit der Sondervergütung mögliche Mehreinnahmen in Höhe von circa 4.350 Euro. In Summe wird diese Unterstützung die Mehrkosten der Praxen zwar sicher nicht komplett kompensieren, sie stellt aber zumindest eine materielle Unterstützung dar. Eine zusätzliche Entlastung im vierstelligen Bereich ergab sich ferner aus dem Konjunkturpaket der Bundesregierung. Hier waren insbesondere die temporäre Senkung der Umsatzsteuer, die einmalige Prämie für Ausbildungsbetriebe sowie die Stabilisierung der Sozialversicherungsbeiträge hilfreich.

EIGENINITIATIVE UND KOOPERATION – DIE SCHLÜSSEL ZUR LÖSUNG 

Seit dem 2. November gelten nun erneut bundesweit Einschränkungen zur Eindämmung des Virus. Zwar können wir bisher keinen Rückgang in den Patientenzahlen beobachten, eine erste Reduzierung der Bevölkerungsmobilität ist aber bereits erkennbar (und ja auch erklärtes Ziel der Maßnahmen). Sofern es sich wie in der ersten Welle verhält, können wir mit etwas zeitlichem Verzug auch sinkende Patientenzahlen in Deutschlands Zahnarztpraxen erwarten. Praxisinhaber sollten daher genau beobachten, wie sich die Leistungserbringung bei ihnen entwickelt. Sofern hier erneut Rückgänge zu verzeichnen sind, sollten Praxisinhaber sofort ihr Liquiditätspolster prüfen und liquiditätssichernde Maßnahmen erwägen.

5 TIPPS FÜR DEN ZWEITEN LOCKDOWN

1. Behalten Sie die Themen betriebswirtschaftliche Praxisführung und strukturelle Praxisoptimierung stets im Auge.

2. Unabhängige Berater auf Honorarbasis helfen Ihnen bei der Analyse und Umsetzung.

3. Webinare, Videos und Podcasts sind kostengünstige Möglichkeiten zur Weiterbildung. Auf dem solvi Blog sowie dem Podcast „Aufgebohrt“ gibt es regelmäßig Updates zur Entwicklung der Patientenzahlen und Leistungserbringung.

4. Überprüfen Sie den lückenlosen Ansatz der Ziffer 3010a bei Privatpatienten – dies wird häufig vergessen.

5. Behalten Sie Ihr Patientenaufkommen und Ihre Leistungserbringung in den kommenden Monaten genau im Auge. Beides sind Indikatoren für Ihren künftigen Geldzufluss – und damit auch für Ihren voraussichtlichen Kontostand.

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